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Der Wolf und die Bratwurst


Sven, ein kluges Bürschlein von sechs Jahren, und sein Vater gehen eines späten Samstag Nachmittags am Zürcher Bellevue eine Bratwurst essen. Da es ein strahlend schöner Sommertag ist, gibt es am «Vorderen Sternen» viel Platz, die Leute sind entweder noch in den Ferien oder am Wasser oder weiss der Kuckuck wo, jedenfalls nicht an der Bratwursttheke. Sven und sein Vater brauchen nicht anzustehen und können sich auch einen Sitzplatz nach Belieben aussuchen. Nach welchen Gesichtspunkten dies geschehen ist, bleibt auf alle Zeiten ein Rätsel, weder Sven noch sein Vater könnten die Frage beantworten. Wie dem auch sei, die höhere Fügung muss bei der Platzierung der beiden Wurstesser Regie geführt haben.
Es ergibt sich, dass Sven, als er sich neben seinem Vater gesetzt hat, schräg gegenüber den Zeitungsaushang mit der «Blick»-Schlagzeile des Tages vor Augen hat. «Wolf hat schon wieder fünf Schafe gerissen», liest Sven, denn er ist, wie bereits gesagt, ein kluges Bürschlein und kann, wenn auch noch nicht sehr fliessend, bereits lesen.
– «Papi!»
Der Angesprochene hat gerade ein Stück Bratwurst im Mund, während sein Sohn noch nicht dazu gekommen ist, es ihm gleich zu tun. Was er sieht, zieht seine ganze Aufmerksamkeit auf sich.
– «Mhm», antwortet der Vater kauend.
Sven ist ungeduldig.
– «Papi, was heisst ‚Schafe gerissen’?»
Der Vater hat keine Ahnung, worauf sein Sohn hinaus will und überlegt sich, wie Sven auf diese überraschende Frage gekommen sein könnte. Sind sie neulich irgendwo Schafen begegnet? Und warum gerade «reissen». Zur Ehrenrettung des nicht sehr geistesgegenwärtig wirkenden Vaters muss erwähnt werden, dass dieser, so, wie er sich hingesetzt hat, nicht sieht, was sein Sohn vor Augen hat.
- «Was meinst du?», fragt er ziemlich hilflos zurück.
– «Was ‚Schafe reissen’ heisst.»
– «Wie kommst du denn darauf?»
– «Dort, beim Kiosk, steht es.» Er liest dem Vater vor: «W-o-l-f h-a-t- s-c-h-o-n w-i-e-d-e-r f-ü-n-f S-c-h-a-f-e…»
– «Ach so, das», der Vater scheint erleichtert, er dreht sich um und sieht in Svens Richtung, «ich hab’s vorhin auch gelesen.»
– «Und?»
– «Und was?»
– «Was heisst ‚Schafe reissen’?»
– «Ach so, der Wolf hat sechs Schafe zu Tode gebissen.»
– «Nein, fünf.»
–«Was? … ja meinetwegen, fünf.»
– «Scheisse …»
– «Sven! Wir sind am Essen.»
– «Aber es ist doch blöd für die Schafe, wenn der Wolf sie totbeisst, oder?»
– «Noch blöder ist es für den Besitzer der Schafe.»
– «Wer ist das?»
– «Keine Ahnung.»
– «Warum sagst du dann, es sei blöder für ihn?»
– «Der Besitzer kann die totgebissenen Schafe nicht mehr verkaufen und das ist ein Verlust für ihn.»
Sven starrt in Gedanken abwesend auf die Bratwurst.
– «Papi?»
– «Ja, Sven?»
– «Schau!» Demonstrativ beisst Sven in die Bratwurst, schluckt den Bissen rasch hinunter und sieht seinen Vater an.
– «Jetzt habe ich die Bratwurst totgebissen», sagt Sven und strahlt.
– «Red keinen Unsinn, Sven, die Bratwurst war schon tot.»
– «Dann hast du für zwei tote Bratwürste Geld bezahlt. Warum bekommt der Besitzer dann kein Geld für die toten Schafe?»
Dem Vater wird das zu bunt.
– «Sven, die Schafe gehören dem Besitzer und er will nicht, dass sie ihm jemand wegnimmt.»
– «Du meinst, weil der Wolf nicht bezahlt hat.»
– «Hm.» Der Vater ist wieder mit seiner Bratwurst beschäftigt.
– «Papi, sind Wölfe böse?»
– «Der Wolf ist ein wildes Tier und wilde Tiere sind manchmal böse, wie kleine Buben.»
– «Hhrrrchuh!» faucht Sven den Vater an, streckt ihm die Hände mit gekrallten Fingern entgegen und sagt: «Ich bin der Wolf.»
– «Zum Glück nicht, Sven, den Wolf, der fünf Schafe gerissen hat, haben die Jäger erschossen, hab ich im Radio gehört.»
– «Sch…» Sven hält sich die Hand vor den Mund. Die Nachricht macht ihm so sehr zu schaffen, dass er jedes Interesse an der anfänglich heiss begehrten Bratwurst verliert. Er sitzt da, sieht zum Zeitungsplakat hinüber und macht ein grüblerisches Gesicht.
– «Papi, ich bin böse.»
– «Jetzt? Find ich nicht. Wieso?»
– «Ich hätte dem Wolf das Geld aus meinem Sparschwein geben sollen, dann hätte er zahlen können für die Schafe.»

© Erich Liebi, 8038 Zürich, 2007

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