«Das andere Licht der Welt»
Das Elektrische stellt als «Komfortreligion» der Moderne die Kirche in den Schatten
Man stelle sich eine Volksbefragung kurz nach einem der grossen Stromausfälle des Jahres 2003 vor: «Bitte beantworten Sie die Frage «Ist die Elektrizität eher ein Segen oder eher ein Fluch?» mit einer Zahl zwischen 1 und 10, wobei 1 «unbedingt ein Segen» und 10 «unbedingt ein Fluch» bedeuten. Was glauben Sie, wie die Antwort ausgesehen hätte?
Aber was würde eine einstimmige Eins aussagen? Etwas über die gegenwärtige Meinungslage und nichts über die Wahrheit. Mehrheitsermittlung ist kein taugliches Mittel, um der Wahrheit näher zu kommen. Wahrheit ist immer dreiteilig: Teil eins ist sie, die Wahrheit selbst, Teil zwei und drei sind die zwei Arten, wie sie sich in der realen Welt zu erkennen bzw. und vermutlich öfter, nicht zu erkennen gibt. Die sprichwörtliche Medaille mit den zwei Seiten verdeutlicht dies.
Was also ist das Elektrische in Wahrheit? Segen oder Fluch? Himmels-gabe oder Teufelszeug? Gut oder böse? Diese Frage sollten wir Menschen beantworten können; immerhin wurde uns die Fähigkeit verliehen, zwischen Gutem und Bösem zu unterscheiden.
Eines muss uns allerdings klar sein, wenn wir die Frage nach dem Gut und dem Böse des Elektrischen stellen: wir sollten uns vor den Antworten nicht scheuen, vor allem vor jenen nicht, die unseren an künstliches Licht gewöhnten Augen furchtbar unmodern vorkommen. Und die Bereitschaft, liebgewordene Unwahrheiten als solche zu erkennen und schleunigst fahren zu lassen, wäre auch eine hilfreiche Voraussetzung für die Beschäftigung mit unserem Thema.
Es steht ausser Frage, die «Ausschwarzungen», wie «Blackouts» wörtlich zu übersetzen wäre, haben es gezeigt und zeigen es immer wieder, dass wir vieles verlören, wenn wir auf das Elektrische verzichten müssten. Aber genügt die Angst vor einem möglichen Verlust materiellen Wohlergehens, von Komfort, Luxus, Sicherheit, Perfektion, Macht, genügt die Unlust auf Verzicht, genügt die Unmöglichkeit, sich die Fortsetzung des Lebens ohne das Elektrische vorzustellen, um das Elektrische vorbehaltlos als Segen zu preisen?
Wir suchen nach Verständnis, in dem wir Fragen stellen, bzw. in dem wir uns den Fragen stellen; Fragen kommen bekanntlich öfter als man meint ungefragt. Gut, dass sie meistens auch Antworten im Reisegepäck haben.
Damit soll etwas über die Verfahrensweise gesagt werden, die diesem Buch zu Grunde liegt – die eingehende Beschäftigung mit den Fragen führt zu Antworten. Nicht in erster Linie an jenen Orten, die vom Elektrischen, dem anderen Licht der Welt, erhellt werden. Wir schürfen in den Schattengebieten. Bezüglich der Ergebnisse sei so viel vorweg genommen: Zu einer Verteufelung des Elektrischen wird es nicht kommen – das käme ihm gerade recht, dem Herrn der Welt, wenn wir statt des Esels den Sack schlügen.
(Vorwort zum Buch «Das andere Licht der Welt» – in Vorbereitung)