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Wahrheit ist nichts für Schlafmützen


Wahrheit kann nicht bewiesen, nur bezeugt werden.
Das gesprochene Wort des Zeugen (griechisch martys) ist nur für «Nichtschlafende» hörbar. (Wahrheit heisst im Altgriechischen aletheia, Nichtschlaf). Die Schlafenden vernehmen das Wahrheitszeugnis nicht. Es ist, als ob Worte der Wahrheit eine Frequenz haben, die nur für Menschen hörbar ist, die selber «aus der Wahrheit» sind, ähnlich der Orientierungstöne der Fledermaus, die für das menschliche Ohr unhörbar sind.
Die Fähigkeit, Wahrheit wahrzunehmen, setzt eine lebendige Verbindung zwischen der Wahrheit und dem nach ihr Fragenden voraus – nur wer «aus der Wahrheit ist», weiss um die und von der Wahrheit.

Das eigentliche Wesen des Märtyrers
ist seine Zeugenschaft. Und eine Zeugenaussage ist immer mündlich. Christliche Märtyrer, die für ihren Glauben gestorben sind, wie das in der offiziellen Kirchensprache meist genannt wird, taten dies aber nicht, weil sie besonders wagemutig waren oder lebensmüde oder fromm darauf bedacht, etwas Tapferes für die Kirche und ihre Lehre zu tun.

  • Ein Christ, der «aus der Wahrheit» ist, hat zwei Leben, nebst dem zeitlich und räumlich begrenzten, also vergänglichen biologischen auch jenes andere – das unvergängliche Leben, wie es in der Sprache der Bibel genannt wird.
  • Weil aber dieses unvergängliche Leben eine Einheit bildet mit der ebenso unvergänglichen Wahrheit («Ich bin die Wahrheit und das Leben»), ist das Zeugnis des unvergänglich Lebenden für die unvergängliche Wahrheit (=Jesus Christus) gleichzeitig ein Zeugnis für das unvergängliche Leben – jedenfalls dann, wenn dieses unvergängliche Leben nicht erst dann beginnt, wenn das vergängliche zu Ende ist, sondern wie jedes andere Leben auch – bei dessen Geburt.
  • Die Geburt des unvergänglichen Lebens aber ist ein Ereignis, dass innerhalb des vergänglichen Lebens stattfindet, stattfinden muss, nach dem Ende des vergänglichen Lebens ist es dafür zu spät. «Ihr müsst von neuem geboren werden», sagt Jesus zu Nikodemus (Joh 3,7).

Wer also als Zeuge seinen Glauben bezeugt, bezeugt nicht (in erster Linie) eine Lehre, sondern eben jenes unvergängliche Leben, das er seit seiner zweiten Geburt bereits hat. Einer Lehre kann der Mensch abschwören, viele haben es im Verlauf der Christentumsgeschichte getan, manche mehr oder weniger freiwillig, manche unter Zwang. Aber wie soll ein Lebendiger dem Leben abschwören? Wer von einem Christen verlangt, dass er Jesus als dem König des Himmels und er Erde und seines unvergänglichen Reiches abschwöre, verlangt nichts anderes, als dass ein Lebendiger dem Leben abschwöre. Wie soll man der eigenen Geburt abschwören?
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